“Lebendige Mädchenarbeit - lebendige Mädchenpolitik - Entwicklungen im Land Brandenburg seit den frühen 1990er Jahren” Grußwort und Abschlussbeitrag der Landesgleichstellungsbeauftragten, Monika von der Lippe

„Sehr geehrte Anwesende,
vielen Dank für die Einladung, heute die Fachtagung und den Projektabschluss “Lebendige Mädchenarbeit – lebendige Mädchenpolitik – Entwicklungen im Land Brandenburg seit den frühen 1990er Jahren” zu eröffnen. Ich habe mich über die Einladung sehr gefreut – immerhin ist das ein schöner Anlass, endlich einmal die großartige Mädchenarbeit im Land Brandenburg angemessen zu würdigen!

Ich habe mich auch schon über das Zustandekommen dieses Projektes sehr gefreut und habe es sehr bedauert, dass ich nicht mitkommen konnte, als die frühere Frauenstaatssekretärin Almuth Hartwig-Tiedt im Sommer die Lottomittel des brandenburgischen Sozialministeriums zum Auftakt übergeben hat.
Ein ganz aktueller Bezug hat sich vergangene Woche ergeben: Die Potsdamerin Frau Prof. Sabine Hering hat das Bundesverdienstkreuz erhalten. Unter dem Motto “Zukunft braucht Erinnerung” würdigte der Bundespräsident anlässlich des Tags des Ehrenamtes ihr herausragendes Engagement für die Gedenk- und Erinnerungskultur. Immerhin war sie die Mitbegründerin der Stiftung Archiv der deutschen Frauenbewegung.
Die brandenburgische Landesverfassung ist in Sachen Gleichstellung von Beginn an sehr fortschrittlich. Das aktive Gleichstellungsgebot ist hier besonders deutlich formuliert. Und auch durch die Politik der Landesregierungen zieht sich die hohe Bedeutung des Themas Gleichstellung der Geschlechter wie ein roter Faden hindurch. Das kann man an den Koalitionsverträgen ablesen, am Gleichstellungspolitischen Rahmenprogramm oder auch am Leitbild für ein geschlechtergerechtes Brandenburg. Auch meine Position als unabhängige, weisungsfreie Landesgleichstellungsbeauftragte ist bundesweit etwas Besonderes. Bei diesen Bedingungen ist klar, dass auch gleichstellungsorientierte Mädchenarbeit von Beginn an einen großen Stellenwert in Brandenburg hatte.
Vollkommen berechtigt – muss man leider auch heute noch sagen. Schließlich wachsen Kinder auch heute noch unter Bedingungen auf, in denen sie aufgrund ihres biologischen Geschlechts mit bestimmten gesellschaftlichen Platzanweisern konfrontiert sind. Mit Zuschreibungen und Erwartungen, aus denen kaum ein Entrinnen ist, und die auf mehr oder weniger sichtbare Art und Weise durchgesetzt werden.
So erhalten Mädchen im Durchschnitt weniger Taschengeld als ihre Brüder, müssen aber mehr im Haushalt helfen.
Rollenbilder prägen auch die Erwartungen bei der Wahl eines Ausbildungs- oder Studienplatzes und bei der Berufswahl.
Es gibt klare Vorstellungen, wie Freundschaften und rollenkonformes Verhalten in Freundschaften zwischen Mädchen oder zwischen Jungen auszusehen haben. Und klare Vorstellungen, wie Sexualität funktioniert.
Wer macht welchen Sport? Welche Hobbies sind okay?
Das Aussehen spielt eine große Rolle. Über Medien und sexistische Werbung werden irreale Körperbilder transportiert, und viel zu selten hinterfragt. Was in viel zu vielen Fällen auch hier in Brandenburg dazu führt, dass Mädchen unter ernsthaften und teilweise lebensbedrohlichen Essstörungen leiden oder gar medizinisch dem konformen Äußeren nachhelfen.
Mädchen werden viel häufiger Opfer von sexualisierten Übergriffen. Auch Mobbing und Cybermobbing trifft sie eher. Zwei Drittel aller jungen Menschen erfahren Grenzüberschreitungen durch Partnerinnen und Partner – Mädchen sind besonders betroffen.
Es sind überwiegend traditionelle Rollenbilder, die noch immer auf die Kinder einwirken. Mädchen werden dabei häufig in eine passive, machtlose Rolle gedrängt, mit lebenslangen, gravierenden Konsequenzen. Frauen haben es oftmals schwerer, sich mit ihren Ideen und Idealen, Kompetenzen und Stärken in unserer Gesellschaft und im Berufsleben durchzusetzen. Häufiger werden sie nicht ernstgenommen, nicht unterstützt oder gefördert, sie haben auch seltener die Mittel zur Verfügung sich frei entscheiden zu können.
So darf es nicht weitergehen. Deshalb ist es wichtig und richtig, schon Mädchen zu stärken und ihnen ein Leben nach ihren Vorstellungen zu ermöglichen. Wir haben noch viel zu tun, Mädchen einen gleichberechtigten Start ins Leben zu ermöglichen. Deshalb ist die Mädchenarbeit so wichtig.
In Brandenburg gibt es eine Kontakt- und Koordinierungsstelle für Mädchenarbeit, die KUKMA. Ich bin darüber sehr froh. Wir werden heute einiges über ihre Geschichte erfahren und auch die früheren Leiterinnen kennenlernen, darauf bin ich schon sehr gespannt.
Es gibt ein Mädchenpolitisches Netzwerk, das sich regelmäßig trifft und sich austauscht. Und es gibt ein paar wenige Mädchentreffs – in Potsdam, Schwedt, Cottbus, Lauchhammer und Teltow. Das waren einmal mehr, habe ich gehört – erlebt habe ich sie leider nicht mehr. (Im Jahr 2000 soll es 68 Angebote zur Mädchenarbeit in Brandenburg gegeben haben.) Es gibt darüber hinaus viele weitere Menschen, die an unterschiedlichen Stellen im Land gute Mädchenarbeit machen. Über all das bin ich sehr froh.
Also: Mädchenarbeit ist wichtig und vieles passiert auf dem Gebiet in Brandenburg. Warum nun zurückschauen? Das kann ich Ihnen sagen!
Vor wenigen Wochen haben wir die Einführung des Frauenwahlrechtes gefeiert, bundesweit, aber auch hier im Landtag in Potsdam. Aus diesem Anlass haben Gleichstellungsbeauftragte in ihren kommunalen Archiven geforscht und herausgefunden, wer die ersten Frauen in den Stadtverordnetenversammlungen und Gemeindevertretungen waren, auch welche Brandenburgerinnen damals in den Reichstag einzogen. Vollkommen unbekannte Namen zumeist – aber spannende Geschichten über starke Frauen mit spannenden Ideen. Sie machen uns heute noch Mut und geben uns Kraft, zum Beispiel wenn wir für ein Paritätsgesetz und mehr Frauen in den Parlamenten kämpfen.
Forschung und Wissenschaft sind aber seit Jahrhunderten männlich dominiert, von Männern betrieben, und würdigen das Werk von Männern. Nach ihnen werden Straßen und Plätze benannt, sie werden mit Preisen ausgezeichnet, ihre Werke werden gezeigt, gespielt und gedruckt und im Fernsehen wie auf Podien sind auch überwiegend Männer. Deshalb haben wir großen Nachholbedarf in der Forschung. Wer waren die Frauen, die zeitgleich Entdeckungen und Erfindungen machten, die künstlerisch tätig waren, die sich gesellschaftlich und politisch eingemischt haben? Was können wir von ihnen lernen?
“Zukunft braucht Erinnerung – und umgekehrt ergibt sich aus dem Erinnern die Motivation oder sogar die Notwendigkeit zu handeln”, so Sabine Balke, Geschäftsführerin des neuen Digitalen Deutschen Frauenarchivs. Deshalb ist es so wichtig, dass in unseren Archiven Frauen genauso repräsentiert sind wie Männer. Das hat auch die Bundesregierung erkannt und im Koalitionsvertrag die Förderung des Digitalen Deutschen Frauenarchivs verabredet – dieses ging Mitte September tatsächlich online!
Und das ist auch der Grund, warum ich mich besonders freue, dass sich das FFBIZ der brandenburgischen Mädchenarbeit angenommen hat. Hier sind die Dokumente an der richtigen Stelle! Sie sind in professionellen Händen, vernünftig aufgehoben und gesichert und sie sind hoffentlich über einen ganz langen Zeitraum zugänglich (auch digital) und können Wissen, Erfahrungen und Stimmungen, Netzwerke und Enthusiasmus weitergeben. Zusammenhänge, Strategien, Konflikte – das alles wird hier erhalten. Das ist schön für Brandenburg und mädchen- und frauenpolitisch Aktive anderswo.
Aber ich denke, es ist vielleicht auch schön für das FFBIZ: schließlich hat sich in Brandenburg eine ganz eigene Form der Mädchenarbeit herausgebildet. Anders als in der westdeutschen Tradition und noch einmal speziell aufgrund des Flächenlandes. Die Nachwendezeit und prekäre Arbeits- und Lebensbedingungen vor allem von Frauen haben sich eingeprägt. So haben wir vielleicht alle etwas davon, wenn diese Materialien nun nach Berlin gehen.
Ich weiß, dass Tina Kuhne bei diesem Projekt die treibende Kraft war und ich beglückwünsche sie insbesondere dazu. Ich weiß, dass sie mit ganzem Herzen die Mädchenarbeit in Brandenburg vorangebracht hat und dass es ihr deshalb enorm wichtig war, nicht nur das Büro aufzuräumen und Platz zu schaffen, sondern dass es ihr ein Anliegen war, 25 Jahre Mädchenarbeit in Brandenburg als Zeitdokument für die Nachwelt zu erhalten. “Frau Kuhne ist ein Teufelsweib”, hat Frau Hartwig-Tiedt gesagt – und das ist eine ganz besondere Auszeichnung! (hier Gelächter und Applaus)
Ich bedanke mich auch bei Frau Schug vom FFBIZ und der Filmemacherin Tille Ganz.
Vielen Dank an sie alle – an aktuelle Akteure in der Mädchenarbeit, an frühere, an solche, die es noch werden wollen und natürlich an das FFBIZ!
Ich wünsche Ihnen jetzt ganz viel Spaß, Inspiration und viele neue Eindrücke! Ich bin auch schon ganz gespannt!
Vielen Dank!“